Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:25

Urteil: Kein Entzug der Fahrerlaubnis nach einmaliger Fahrt unter Cannabiseinfluss


Dem Kläger wurde nach einer einmaligen Autofahrt unter Cannabiseinfluss die Fahrerlaubnis entzogen, weil er nicht in der Lage sei, zwischen gelegentlichem Cannabiskonsum und dem Führen von Kraftfahrzeugen zu trennen. Ohne MPU könne die Fahrerlaubnisbehörde das aber im Regelfall nicht beurteilen, so die Entscheidung des VGH München.

Der Sachverhalt


Dem Führerscheinentzug war eine einmalige Autofahrt des 1994 geborenen Klägers unter Cannabiseinfluss vorausgegangen, die als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße von 500 Euro und einem Monat Fahrverbot geahndet wurde. Der Kläger sei zum Führen von Kraftfahrzeugen ungeeignet.

Er könne den Konsum von Cannabis vom Führen eines Kraftfahrzeugs nicht trennen, so die Begründung der Fahrerlaubnisbehörde. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung oder sonstige weitere Aufklärungsmaßnahmen erfolgten nicht.

Die Entscheidung


Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (BayVGH, Urteil vom 25.04.2017 - 11 BV 17.33) hat unter Abänderung der erstinstanzlichen Entscheidung des Verwaltungsgerichts München den Fahrerlaubnisentzug aufgehoben, den das Landratsamt Starnberg ausgesprochen hatte.

Nach Auffassung des BayVGH ergibt sich sowohl aus dem Wortlaut als auch aus der Entstehungsgeschichte der einschlägigen Bestimmungen der Fahrerlaubnis-Verordnung, dass das Landratsamt zuerst darüber hätte entscheiden müssen, ob eine medizinisch-psychologische Untersuchung des Klägers angeordnet wird.

Es komme darauf an, ob aus dem Verhalten des Betreffenden der Schluss gezogen werden könne, dass er auch in Zukunft Fahren und Cannabiskonsum nicht trenne. Eine solche Beurteilung könne die Fahrerlaubnisbehörde im Regelfall - ebenso wie bei Alkoholfahrten - nur auf der Grundlage eines medizinisch-psychologischen Gutachtens treffen.

Der BayVGH hat die Revision gegen sein Urteil wegen grundsätzlicher Bedeutung zugelassen. Die Revision kann nach Vorliegen der schriftlichen Urteilsgründe, die in den nächsten Wochen erwartet werden, binnen Monatsfrist beim Bundesverwaltungsgericht eingelegt werden.

Gericht:
Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Urteil vom 25.04.2017 - 11 BV 17.33
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:27

Urteil: Fahrzeug ruckelt bei bestimmter Drehzahl - Sachmangel?


Die Kläger hatten von einem Händler ein neues Wohnmobil gekauft. Von Anfang an ruckelte das Fahrzeug beim Start. Deswegen wollten sie den Kaufvertrag rückgängig machen. Der Händler vertrat die Auffassung, es läge kein Sachmangel vor. So etwas sei als reiner "Komfortmangel" hinzunehmen und letztlich unerheblich. Darüber hat jetzt das OLG Oldenburg entschieden.

Aus der Entscheidung

Das Ehepaar klagte und bekam vor dem Landgericht Aurich Recht. Dieses Urteil hat jetzt der 1. Senat des Oberlandesgerichts Oldenburg im Wesentlichen bestätigt. Die Kläger können die Rückabwicklung des Kaufvertrages verlangen. Der Mangel sei nicht geringfügig und stelle auch keinen reinen "Komfortmangel" dar.

Nach den Feststellungen des gerichtlichen Sachverständigen trete bei Fahrten bei Außentemperaturen zwischen 13 und 18 Grad Celsius und bei einer Motordrehzahl zwischen 1.500 und 2.000 Umdrehungen kurz vor Erreichen der Betriebstemperatur ein Motorruckeln auf, das mit Erreichen der Betriebstemperatur wieder verschwinde.

Ruckeln entspricht nicht den Erwartungen eines verständigen Käufers
Dies entspreche nicht den berechtigen Erwartungen eines verständigen Käufers und stelle daher einen Mangel da, so der Senat. Dabei falle ins Gewicht, dass es sich vorliegend um ein Neufahrzeug zu einem nicht unerheblichen Preis handele. Es liege auch nicht nur ein "Komfortmangel" vor, zumal während des Ruckelns die Zugkraft des Motors spürbar unterbrochen werde und daher zeitweise nur eine reduzierte Motorkraft vorhanden sei.
Mangel nicht geringfügig
Der Mangel sei auch nicht geringfügig und damit unerheblich. Denn nach den Feststellungen des Sachverständigen sei bei den in Deutschland üblichen Temperaturen fast bei jedem Kaltstart mit einem Ruckeln zu rechnen. Darüber hinaus sei die eigentliche Ursache nicht geklärt, weshalb die Eheleute die berechtigte Befürchtung haben dürften, dass es langfristig zu Motorschäden kommen könne.
Vor diesem Hintergrund könnten die Eheleute die Rückabwicklung des Kaufvertrages verlangen, so der Senat. Sie können also das Wohnmobil an den Händler zurückgeben und erhalten den Kaufpreis erstattet. Für die Zeit, die sie das Wohnmobil bereits genutzt haben, müssen sie sich allerdings einen Betrag als sogenannten „Gebrauchsvorteil" anrechnen lassen.

Gericht:
Oberlandesgericht Oldenburg, Urteil vom 27.04.2017 - 1 U 45/16
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:29

Kfz-Fachwerkstatt beachtet Rückrufaktion des Herstellers nicht


Eine Kfz-Fachwerkstatt muss Rückrufaktionen eines Herstellers der von ihr betreuten Kfz-Modelle kennen und den Kunden bei beauftragten Inspektionsarbeiten auf eine für die Verkehrssicherheit seines Fahrzeugs bedeutsame Rückrufaktion und die insoweit gebotenen Reparaturen hinweisen.

Der Sachverhalt

Die Klägerin ist Eigentümerin eines im Oktober 2010 erworbenen Kfz Dodge Ram Truck 1500. Für das in den USA hergestellte und im Wege eines sog. "Grauimports" eingeführte Fahrzeug existieren in Deutschland kein autorisiertes Händlernetz und keine Niederlassungen der Herstellerin.

Die Beklagte betreibt eine Kfz-Fachwerkstatt und wirbt für sich als autorisierte Service-Fachwerkstatt für Kraftfahrzeuge der Marke Dodge. Reparatur- und Wartungsarbeiten ließ die Klägerin bei der Beklagten vornehmen.

Ab Februar 2013 fand eine Rückrufaktion des Herstellers Chrysler Dodge statt, die auch die Baureihe des klägerischen Fahrzeugs betraf. Instand zu setzen war eine nicht ausreichend gesicherte Mutter im Getrieberad der Hinterachse. Die Klägerin selbst erhielt hierüber keine Mitteilung des Herstellers.

Bei im Oktober 2013 von der Beklagten am Fahrzeug der Klägerin durchgeführten Inspektionsarbeiten setzte die Beklagte die von der Herstellerin mit der Rückrufaktion angewiesenen Instandsetzungsarbeiten nicht um. Im April 2014 erlitt das Fahrzeug der Klägerin erhebliche Beschädigungen, weil die Hinterachse während der Fahrt blockierte. Der Schaden wäre bei der Durchführung der empfohlenen Instandsetzungsarbeiten nicht entstanden.

Den erlittenen Fahrzeugschaden in Höhe von ca. 6.800 Euro hat die Klägerin von der Beklagten ersetzt verlangt und gemeint, die Beklagte habe sich über die Rückrufaktion der Herstellerin informieren und sie, die Klägerin, über diese unterrichten müssen. Die Beklagte hat gemeint, die Klägerin habe sich selbst informieren müssen, als Kfz-Werkstatt träfen sie insoweit keine Überprüfungspflichten.

Die Entscheidung

Das Schadensersatzbegehren der Klägerin war erfolgreich. Die Beklagte sei mit der Inspektion des klägerischen Fahrzeugs beauftragt gewesen. Sie habe es deswegen für die nächste Zeit gebrauchs- und fahrbereit machen müssen. Aufgrund dieses Auftrages habe sich die Klägerin über die Rückrufaktion und insoweit gebotenen Reparaturen informieren müssen.

Als Fachwerkstatt habe sie sich unter Ausnutzen zumutbarer Informationsquellen, wie etwa der Internetseite des Herstellers, über verkehrssicherheitsrelevante Rückrufaktionen informieren müssen. Ihr Kunde, so auch die Klägerin, habe in berechtigter Weise annehmen können, dass die Beklagte über alle notwendigen Kenntnisse für die Verkehrs- und Betriebssicherheit der Dodge-Fahrzeuge verfüge bzw. sich diese vor dem Durchführen von Inspektionsarbeiten verschaffe.

Dass das Fahrzeug der Klägerin - dies sei der Beklagten bekannt gewesen - ein sog. "Grauimport" gewesen sei, ändere nichts an ihren Informationspflichten. Die Beklagte bewerbe ihr Unternehmen als autorisierte Service-Fachwerkstatt für Fahrzeuge der Marke Dodge, ohne dies auf in Deutschland vertriebene oder offiziell importierte Fahrzeuge zu beschränken.

"Grau" importierte Fahrzeuge benötigten auch keine weniger effektive Fehlerkontrolle als reguläre Fahrzeuge, bei "Grauimporten" informiere der Hersteller den Halter zudem nicht über Rückrufaktionen. Auch deswegen habe sich im vorliegenden Fall die Beklagte als Fachwerkstatt informieren müssen.

Aufgrund des unterlassenen Hinweises auf die Rückrufaktion und die gebotenen Reparaturen sei der Klägerin der geltend gemachte Schaden entstanden, den die Beklagte zu ersetzen habe. Das Urteil ist nicht rechtskräftig (BGH VII ZR 51/17).

Gericht:
Oberlandesgericht Hamm, Urteil vom 08.02.2017 - 12 U 101/16
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:31

Rücksichtslose und risikobereite Fahrweise - Freiheitsstrafe ohne Bewährung


Ein nicht vorbestrafter Autofahrer, der bei einem vorsätzlich verkehrswidrigen Überholmanöver einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem ein Verkehrsteilnehmer tödlich und drei weitere z.T. schwer verletzt werden, kann mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten zu bestrafen sein, deren Vollstreckung nicht zur Bewährung auszusetzen ist.

Der Sachverhalt

Der 37 Jahre alte Angeklagte fuhr mit einem Lieferwagen Pakete aus. Nach einem ersten verkehrswidrigen Überholvorgang, bei dem der Angeklagte eine Linksabbiegerspur und eine durchgezogene Linie mit überhöhter Geschwindigkeit überfuhr, näherte er sich dem rechtseitigen Einmündungsbereich einer Landstraße.

Aus der Einmündung bog ein PKW auf seine Spur. Um hinter diesem Fahrzeug zu bleiben, hätte der Angeklagte seine Geschwindigkeit deutlich reduzieren müssen. Dies wollte er vermeiden, setzte zum Überholen des Fahrzeugs an und überfuhr hierbei eine Sperrfläche vor dem Einmündungsbereich sowie die für den Gegenverkehr vorgesehene Linksabbiegerspur.

Der Angeklagte reduzierte seine Geschwindigkeit von ca. 75 bis 90 km/h nicht und fuhr frontal auf einen entgegenkommenden Skoda zu, dessen Fahrerin den Zusammenstoß mit dem Lieferwagen trotz eines Ausweichmanövers nicht vermeiden konnte. Der hierdurch abgelenkte Lieferwagen kollidierte sodann mit dem Dacia. Dessen Fahrer erlitt bei dem Unfall tödliche Verletzungen, die weiteren Insassen des Dacia und des Skoda erlitten zum Teil schwere Verletzungen, unter anderem eine Augenverletzung, schwere Prellungen und Schnittwunden.

Entscheidung: Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten ohne Bewährung

Wegen dieser Tat verurteilte der Strafrichter des Amtsgerichts Ahaus (Urteil vom 20.06.2016, Az. 2 Ds 58/16) den zwar verkehrsOrdnungswidrigkeitenrechtlich, aber nicht strafrechtlich vorbelasteten Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung in drei Fällen und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten, deren Vollstreckung nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde. Zudem verlor der Angeklagte seine Fahrerlaubnis.

Im Berufungsverfahren vor dem Landgericht Münster (Az. 5 Ns 108/16) bestätigte die zuständige kleine Strafkammer die Verurteilung und setzte die Sperrfrist für die Neuerteilung einer Fahrerlaubnis auf gesetzlich zulässige Höchstfrist von 5 Jahren fest. Im Rahmen der Strafzumessung wies die kleine Strafkammer zur Begründung der versagten Strafaussetzung zur Bewährung darauf hin, dass dem nicht vorbestraften Angeklagten zwar eine günstige Sozialprognose zu stellen sei. Nach der Gesamtwürdigung von Tat und Persönlichkeit des Angeklagten lägen aber keine besonderen Umstände vor, die es ermöglichten, die Vollstreckung der Freiheitsstrafe zur Bewährung auszusetzen.

Rücksichtslose und risikobereite Fahrweise

Vor dem Hintergrund des erheblichen Unrechts- und Schuldgehalts der Tat, der sich maßgeblich aus der rücksichtslosen und risikobereiten Fahrweise des Angeklagten mit den darauf zurückzuführenden schweren Tatfolgen ergebe, rechtfertigten die zu seinen Gunsten sprechenden Umstände, insbesondere seine bisherige Unbestraftheit, keine Bewährung. Zudem sei die Vollstreckung zur Verteidigung der Rechtsordnung geboten.

Der Verkehrsverstoß weise neben den durch ihn verursachten schweren Folgen einen erheblichen Unrechtsgehalt auf und sei Ausdruck einer verbreiteten Einstellung, die die Geltung des Rechts nicht ernst nehme. Das Verhalten des Angeklagten vor und nach der Tat zeige, dass er sich ohne Bedenken über Verkehrsregeln und die Sicherheitsinteressen anderer Verkehrsteilnehmer hinweggesetzt habe.

Das Oberlandesgericht Hamm hat mit Beschluss (4 RVs 33/17) die Revision als unbegründet verworfen. Die Überprüfung des Urteils ergab keinen Rechtsfehler zulasten des Angeklagten, so die Entscheidung des Senats.

Gericht:
Oberlandesgericht Hamm, Beschluss vom 23.03.2017 - 4 RVs 33/17
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:33

BVerwG-Urteil: Keine MPU bei Trunkenheitsfahrt unter 1,6 Promille


Ist nach einer einmaligen Trunkenheitsfahrt von weniger als 1,6 Promille im Strafverfahren die Fahrerlaubnis entzogen worden, darf die Behörde ihre Neuerteilung nicht allein wegen dieser Trunkenheitsfahrt von der Beibringung einer MPU abhängig machen. Anders liegt es, wenn zusätzliche Tatsachen die Annahme von künftigem Alkoholmissbrauch begründen.

Der Sachverhalt

Fall 1: Im Verfahren BVerwG 3 C 24.15 hatte das Strafgericht die Klägerin wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr (BAK 1,28 Promille) nach § 316 StGB verurteilt und ihr nach § 69 StGB die Fahrerlaubnis entzogen, da sich aus der Tat ergebe, dass sie zum Führen von Kraftfahrzeugen ungeeignet sei.

Als sie die Neuerteilung beantragte, erhielt sie von der Fahrerlaubnisbehörde gestützt auf § 13 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d i.V.m. Buchst. a der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) die Aufforderung, ein medizinisch-psychologisches Fahreignungsgutachten vorzulegen.

Fall 2: Im Verfahren BVerwG 3 C 13.16 hatte das Strafgericht dem Kläger die Fahrerlaubnis bei im Übrigen gleichem Sachverhalt wegen einer Trunkenheitsfahrt mit einer BAK von 1,13 Promille entzogen.

In beiden Fällen ist die Klage auf Erteilung der Fahrerlaubnis ohne vorherige medizinisch-psychologische Untersuchung in den Vorinstanzen ohne Erfolg geblieben.

Die Entscheidung


Das Bundesverwaltungsgericht hat die vorinstanzlichen Urteile geändert und die Beklagten jeweils verpflichtet, den Klägern die beantragten Fahrerlaubnisse auch ohne die Vorlage eines positiven medizinisch-psychologischen Gutachtens zur Frage von Alkoholmissbrauch neu zu erteilen. Der Auffassung, dass die Fahrerlaubnis nach strafgerichtlicher Entziehung wegen einer Trunkenheitsfahrt nur nach Beibringung eines medizinisch-psychologischen Gutachtens (MPG) neu erteilt werden dürfe, ist es nicht gefolgt.

Nach § 13 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c FeV rechtfertigt eine einmalige Trunkenheitsfahrt ohne das Hinzutreten weiterer aussagekräftiger Tatsachen erst ab einer BAK von 1,6 Promille die Anforderung eines medizinisch-psychologischen Gutachtens. Die strafgerichtliche Entziehung einer Fahrerlaubnis wegen einer Trunkenheitsfahrt ist - wie die Bezugnahme in § 13 Satz 1 Nr. 2 Buchst. d FeV auf die unter den Buchstaben a bis c genannten Gründe zeigt - kein eigenständiger, von der 1,6 Promille-Grenze unabhängiger Sachgrund für die Anforderung eines Gutachtens.

Im Strafverfahren ist der Täter bei einer Trunkenheit im Verkehr (§ 316 StGB) "in der Regel", also ohne das Hinzutreten weiterer belastender Tatsachen, als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen anzusehen (§ 69 Abs. 2 Nr. 2 StGB).

Gericht:
BundesVerwaltungsgericht, Urteil vom 06.04.2017 - 3 C 24.15
Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 06.04.2017 - 3 C 13.16
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:38

Radarwarner: Erwischt mit aktiver Blitzer-App auf dem Smartphone


Das OLG Rostock hat entschieden, dass der Verbotstatbestand des § 23 Abs. 1 b Satz 1 StVO erfüllt ist, wenn ein Fahrzeugführer während der Fahrt ein Mobiltelefon betriebsbereit mit sich führt, auf dem eine sogenannte "Blitzer-App" installiert und während der Fahrt aufgerufen ist.

Der Sachverhalt


Während einer Polizeikontrolle fiel dem Polizeibeamten auf, dass auf dem Smartphone des Betroffenen eine sog. Blitz-App aktiv aufgerufen gewesen war. Das Amtsgericht Güstrow verurteilte den Betroffenen wegen "fahrlässigen Betreibens eines technischen Geräts, das dafür bestimmt ist, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen", zu einer Geldbuße von 75 EUR.

Gegen dieses Urteil hat der Betroffene die Zulassung der Rechtsbeschwerde beantragt. Er beanstandet mit der Sachrüge den auf § 23 Abs. 1b StVO gestützten Schuldspruch mit der Begründung, bei dem Smartphone handele es sich entgegen der vom Amtsgericht in Bezug genommenen Entscheidung des OLG Celle (Beschluss vom 03.11.2015 - 2 Ss (OWi) 3313/15) um kein technisches Gerät, welches dazu "bestimmt" sei, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen.

Darunter fielen nur solche Geräte, die herstellerseitig speziell zur "Abwehr oder zum Schutz vor Radarkontrollen" entwickelt worden seien, nämlich "Radarwarn- oder Laserstörgeräte". Das treffe auf Mobiltelefone mit darauf installierter "Blitzer-App" gerade nicht zu. Wolle der Gesetzgeber auch die Benutzung von Mobiltelefonen mit entsprechenden Programmen verbieten, müsse er dies ausdrücklich (ergänzend) regeln.

Die Entscheidung

Die Rechtsbeschwerde bleibt in der Sache ohne Erfolg. Nach § 23 Abs. 1b Satz 1 StVO darf, wer ein Kraftfahrzeug führt, kein technisches Gerät betreiben oder betriebsbereit mitführen, das dafür bestimmt ist, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen oder zu stören.

Lediglich beispielhaft ("insbesondere") benennt Satz 2 der Norm Geräte zur "Störung oder Anzeige von Geschwindigkeitsmessungen (Radar- oder Laserstörgeräte)". Bei dem vom Betroffenen während der Fahrt eingeschalteten, in einer Halterung an der Windschutzscheibe befestigten und mit der aufgerufenen "Blitzer-App" betriebenen Mobiltelefon handelt es sich um ein Gerät im Sinne von § 23 Abs. 1b Satz 1 StVO.

Das Bestimmtheitsgebot


Der Wortlaut von § 23 Abs. 1b Satz 1 StVO lässt es offen, ob ein technisches Gerät nur dann dafür "bestimmt" ist, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen oder zu stören, wenn dies bereits von seiner Konstruktion her so vorgegeben ist. Die grammatikalische Auslegung der Vorschrift ermöglicht ohne Weiteres auch die weitergehende Interpretation, dass der Anwendungszweck eines technischen Geräts, das zur Bewältigung verschiedener Aufgaben geeignet ist, durch den Anwender mit dessen konkretem Einsatz im Einzelfall genau dafür "bestimmt" wird (so auch Kattau a.a.O. S. 237).

Bei multifunktionalen Geräten, die in erster Linie anderen Zwecken als der Anzeige oder Störung von Verkehrsüberwachungsmaßnahmen dienen, wird deren "Bestimmung" für den letztgenannten Zweck dadurch herbeigeführt, dass sie entweder durch nachträgliche Eingriffe in deren Konstruktion (Ein- oder Umbau von Hardwarekomponenten) oder durch Aufspielen und Aufrufen einer zusätzlichen Software in die Lage versetzt werden, (auch) Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen und/oder zu stören.

Neue Gebrauchsmöglichkeiten durch Aufspielen zusätzlicher Software

Das kann, muss aber nicht notwendig durch den Gerätehersteller erfolgen. Die Attraktivität "anwendungsoffener" Geräte, zu denen auch Smartphones gehören, besteht gerade darin, dass in ihnen herstellerseitig nur typische Grund- und Hauptfunktionen implementiert sind, es im Übrigen aber dem Anwender überlassen bleibt, ob und welche weiteren, sich möglicherweise erst infolge technischer Innovationen neu ergebenden Gebrauchsmöglichkeiten er sich durch Aufspielen und Einsatz zusätzlicher Software selbst erschließt. Damit gibt er dem Gerät jeweils einen über dessen werksseitige Ausstattung hinausgehenden zusätzlichen Verwendungszweck, womit er es, wenn dieser darin liegt, Verkehrsüberwachungsmaßnahmen anzuzeigen, zugleich (auch) dafür im Sinne von § 23 Abs. 1b Satz 1 StVO "bestimmt". Darauf, dass in dem Begriff des "Bestimmens" stets auch eine subjektive Komponente liegt, hat schon das OLG Celle in seinen o.g. Beschluss mit weiteren Bespielen aus anderen (Straf-) Vorschriften zutreffend hingewiesen (a.a.O. Rdz. 23 in juris).

Dass auch der Verordnungsgeber genau diese technische Entwicklung vorhergesehen und bei seiner Entscheidung zur Einführung der Verbotsvorschrift des § 23 Abs. 1b StVO berücksichtigt hat, folgt daraus, dass es in der amtlichen Begründung u.a. heißt (VBl. 202, 140, 142):

Nicht nur einzelne technische Geräte wie die derzeit am meisten verbreiteten Radarwarngeräte und Laserstörgeräte werden von dem Verbot erfasst, sondern auch andere technische Lösungen, die einen vergleichbaren Effekt erreichen. Das gilt insbesondere für die Verknüpfung der Warnung vor stationären Überwachungsanlagen mit modernen Zielführungssystemen; die entsprechenden Geräte geben die Warnung ebenfalls automatisiert und ortsbezogen ab.


Gericht:
Oberlandesgericht Rostock, Beschluss vom 22.02.2017 - 21 Ss OWi 38/17 (Z)
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:41

Autokauf: Technischer Defekt beim Gebrauchtwagen - Mangel oder Verschleiß?


Weist ein Gebrauchtfahrzeug technische Defekte auf, die bei vergleichbaren Gebrauchtfahrzeugen nicht üblich sind, kann ein Fahrzeugmangel vorliegen, der zum Rücktritt vom Kaufvertrag berechtigt. Im vorliegenden Fall war eine Modellreihe von Skoda von Fehlern betroffen, die bei vergleichbaren Gebrauchtfahrzeugen nicht vorkamen.

Der Sachverhalt


Im November 2013 erwarb der Kläger bei dem beklagten Autohändler einen gebrauchten Skoda Octavia RS Combi 2.0 TDI, Erstzulassung Juni 2007, ca. 181.000km für 8.950 Euro. Nach der Fahrzeugübergabe rügte der Kläger Mängel, unter anderem ein schlechtes Anspringen des Motors, Ruckeln beim Fahren und eine sich plötzlich erhöhende Motordrehzahl.

Es kam zu Instandsetzungsarbeiten, auch durch den Autohändler, die der Kläger allerdings für unzureichend hielt. Deswegen erklärte er im Mai 2014 den Rücktritt vom Kaufvertrag. Dem trat der beklagte Autohändler entgegen und verwies darauf, dass die vom Kläger beanstandete Symptomatik auf einem üblichen Verschleiß des Fahrzeugs beruhe und nicht als Mangel zu bewerten sei.

Der gerichtliche Sachverständige vor dem Landgericht kam zu dem Ergebnis, dass die vom Kläger behauptete Mangelsymptomatik auf einen verstopften Rußpartikelfilter zurückzuführen sei. Dieses bewertete das Landgericht als übliche Verschleißerscheinung und wies die Klage ab. Damit gab sich der Kläger nicht ab und ging in Berufung. Diese war erfolgreich.

Die Entscheidung


Nach weiterer Beweisaufnahme mit erneuter Anhörung des Sachverständigen hat der 28. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Hamm der Klage stattgegeben und den beklagten Autohändler zur Rückzahlung des Kaufpreises gegen Rückgabe des Fahrzeugs verurteilt. Damit hat das Oberlandesgericht die erstinstanzliche Entscheidung des Landgerichts Hagen abgeändert.

Der Kläger sei zum Vertragsrücktritt berechtigt, so der Senat, weil das verkaufte Fahrzeug bei der Übergabe einen Sachmangel aufgewiesen und sich nicht in einem altersgemäßen Zustand vergleichbarer Gebrauchtfahrzeuge befunden habe.

Es könne zwar sein, dass die im Laufe des Fahrbetriebs zunehmende Verstopfung des Rußpartikelfilters ein üblicher Verschleiß bei Dieselfahrzeugen sei. Im Streitfall habe der Skoda bei der Übergabe an den Kläger aber zwei technische Defekte aufgewiesen. Zum einen sei der Drucksensor des Partikelfilters nicht funktionsfähig gewesen, so dass eine Überfüllung des Partikelfilters nicht angezeigt worden sei.

Werkseitiger Bauteilfehler


Außerdem sei der Skoda von einem für diese Modellreihe typischen Bauteilfehler an den Pumpen-Düsen-Elementen betroffen gewesen. Dieser werkseitige Fehler habe zu einer Überfettung des Brennstoffgemischs und damit zu einer Verkokung geführt, die wiederum eine übermäßige Füllung des Partikelfilters mit Ruß zur Folge hatte.

Vergleichbare Gebrauchtfahrzeuge haben diesen Fehler nicht

Aufgrund dieser beiden technischen Defekte bleibe der vom Kläger erworbene Skoda negativ hinter der üblichen Beschaffenheit vergleichbarer Gebrauchtfahrzeuge zurück. Zugleich habe sich aufgrund der defekten Pumpe-Düse-Injektoren im Partikelfilter mehr Ruß als üblich abgelagert. Eine solche übermäßige Verschleißanfälligkeit sei ebenfalls als Sachmangel anzusehen, zumal der defekte Sensor die bedenkliche Rußablagerung nicht angezeigt habe.

Gericht:
Oberlandesgericht Hamm, Urteil vom 11.05.2017 - 28 U 89/16
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 08:46

Der uneinsichtige Rentner im Straßenverkehr


Der Rentner fuhr mit seinem PKW auf einer Straße in München. Da auf seiner Fahrbahn ein PKW parkte, wechselte er auf die Gegenfahrbahn, um an diesem vorbeizufahren. Genau in diesem Moment kam ihm dort auf der Gegenfahrbahn ein Fahrradfahrer entgegen. Der Rentner wollte nicht ausweichen und drohte damit, den Radfahrer umzufahren.

Der Sachverhalt

Beide kamen genau auf Höhe des in zweiter Reihe parkenden PKW zum Stehen. Der Rentner wollte den Radfahrer zum Ausweichen zwingen und fuhr mit dem PKW auf den Radfahrer zu, bis zwischen Stoßstange und Fahrrad nur noch ein Abstand von circa 10 Zentimetern bestand.

Anschließend drohte der Rentner, den Radfahrer umzufahren, wenn dieser nicht zur Seite weiche, worauf dieser nach links auswich. Als der Rentner dann an dem Radfahrer vorbeifuhr, sagte er zu diesem: "Du altes Arschloch!".

Die Entscheidung des Amtsgerichts München

Die zuständige Richterin am Amtsgericht München verurteilte den 72-jährigen Rentner wegen Nötigung und Beleidigung im Straßenverkehr zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 20 Euro sowie einem Fahrverbot von einem Monat.

Vor Gericht hat der Rentner die Tat betritten. Zwei unbeteiligte Zeugen beschrieben aber den Vorfall übereinstimmend. Der Rentner sei aggressiv gewesen und habe zwischendurch immer wieder Gas gegeben, während er dem Radfahrer gegenüber gestanden sei. Beide Zeugen haben auch gehört, dass das Wort "Arschloch" gesagt habe.

Bei der Höhe der Strafe hat das Gericht zugunsten des Rentners Berücksichtigt, "dass sich die Situation vor Ort aufgeschaukelt hat und der Radfahrer seinerseits gegenüber dem Angeklagten belehrend aufgetreten ist. Zu seinen Lasten führt das Gericht an, dass der Rentner bereits zweimal wegen Nötigung verurteilt worden ist und dass er sich in seinem PKW in einer dem Radfahrer gegenüber überlegenen Position befand.

Das Gericht führt weiter in dem Urteil aus, dass die vorliegende Tat darauf schließen lasse, dass der Angeklagte immer wieder nachlässig mit den straßenverkehrsrechtlichen Regelungen umgeht. Zur Einwirkung auf den Angeklagten war daher die Verhängung eines Fahrverbotes von einem Monat erforderlich aber auch ausreichend.

Gericht:
Amtsgericht München, Urteil vom 06.12.2016 - 942 Cs 412 Js 230288/15
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 23. Jul 2017 09:02

Urteil des VGH Mannheim: § 12 Abs. 3 Nr. 3 StVO teilweise unwirksam


Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat mit Urteil entschieden, dass § 12 Abs. 3 Nr. 3 der StVO teilweise unwirksam ist. Die Vorschrift verbietet das Parken "vor Grundstücksein- und -ausfahrten, auf schmalen Fahrbahnen auch ihnen gegenüber". Es sei nicht hinreichend klar, was der Gesetzgeber mit dem Begriff der schmalen Fahrbahn meine.

Der Sachverhalt


Der Kläger ist Eigentümer eines Hauses in Karlsruhe. Der Kläger moniert, dass er aus seiner Garage nur unter mehrmaligem Rangieren auf die Straße bzw. von der Straße in seine Garage fahren kann. Die Ursache läge an den parkenden Autos auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der Kläger beantragte bei der Stadt Karlsruhe (Beklagte), auf der Fahrbahn gegenüber seiner Grundstücksausfahrt das Parken durch Verkehrszeichen zu verbieten. Das Parken sei dort bereits nach § 12 Abs. 3 Nr. 3 StVO unzulässig, weil die Fahrbahn im Sinne dieser Vorschrift "schmal" sei.

Die Behörde lehnte den Antrag ab, denn in vorsichtiger Fahrweise und bei frühzeitigem Einlenken mit maximal zweimaligem Vor- und Zurücksetzen sei eine Ausfahrt möglich. Bei einer solchen Sachlage sei eine Fahrbahn nicht "schmal", wie verschiedene Gerichte entschieden hätten.

Der Kläger zog vor das Verwaltungsgericht, das die Klage abwies. Angesichts des heutigen Straßenverkehrs und des herrschenden Parkdrucks sei je nach den örtlichen Verkehrsverhältnissen auch ein dreimaliges Rangieren mit einem Auto heute üblicher Größe noch verkehrsadäquat. Der Kläger ging in Berufung.

Die Entscheidung des VGH Baden-Württemberg


Der Kläger habe keinen Anspruch darauf, dass die Beklagte über seinen Antrag auf Erlass einer verkehrsrechtlichen Anordnung erneut entscheide, so das VGH Baden-Württemberg in seinem Urteil.

Ein solcher Anspruch folge entgegen der Ansicht des Klägers nicht schon daraus, dass auf der seiner Garagenausfahrt gegenüberliegenden Straßenseite ein gesetzliches Parkverbot nach § 12 Abs. 3 Nr. 3 StVO bestehe, das dem Schutz seines Anliegergrundstücks diene und regelmäßig missachtet werde. Denn das betreffende Parkverbot nach § 12 Abs. 3 Nr. 3 StVO sei mangels Bestimmtheit unwirksam.

Begriff "schmal" zu unbestimmt


Der Begriff “schmal” genüge nicht den verfassungsrechtlichen Anforderungen an die Bestimmtheit von Normen. Es sei nicht möglich, den Begriff anhand anerkannter Auslegungsregeln zu konkretisieren. Verschiedene Oberlandes- und Oberverwaltungsgerichte hätten zwar als Maßstab eine maximal zulässige Zahl an Rangiervorgängen entwickelt, die für eine Ein- oder Ausfahrt im Einzelfall zumutbar seien.

Unterschiedliche Rechtsprechung


Die in der Rechtsprechung als zumutbar angesehene Anzahl der Rangiervorgänge variiere aber erheblich. Ungeachtet dessen sei dieses einzelfallbezogene Kriterium zur Konkretisierung des Begriffs "schmal" ohnehin untauglich. Denn der Adressat des bußgeldbewehrten Verbots, der Fahrer eines auf der gegenüberliegenden Seite einer Grundstücksein- und -ausfahrt geparkten Autos, könne selbst nicht hinreichend sicher ermitteln oder verlässlich einschätzen, wie viele Rangiervorgänge im jeweiligen Einzelfall nötig seien.

Kläger wird nicht in erheblichem Maße behindert

Der Kläger könne zwar auch unabhängig von der Gültigkeit des gesetzlichen Parkverbots nach § 12 Abs. 3 Nr. 3 StVO ein Einschreiten der Straßenverkehrsbehörde aus Gründen der Sicherheit oder Ordnung des Verkehrs verlangen, wenn er bei einem Parken von Autos auf der gegenüberliegenden Straßenseite daran gehindert oder in erheblichem Maße behindert würde, diese Garage zu benutzen. Diese Voraussetzungen seien hier aber bei Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalles nicht erfüllt.

Kläger muss ggf. Garagenausfahrt verbreitern


Ein zu Lasten des Klägers gehender Gesichtspunkt sei insbesondere, dass er eine befestigte private Verkehrsfläche (Gehweg und Autostellplatz) neben der Garagenausfahrt auf seinem Grundstück höher als diese angelegt und mit Steinen begrenzt habe. Denn infolgedessen könne diese Fläche beim Herausfahren auf die Straße nicht mitbenutzt werden. Die dadurch bedingte höhere Anzahl von Rangiervorgängen habe der Kläger selbst zu vertreten und daher hinzunehmen. Denn es sei ihm zumutbar, die Garagenausfahrt insoweit zu verbreitern.

Revision zugelassen


Die Revision zum Bundesverwaltungsgericht wurde zugelassen, da die Frage der Wirksamkeit des § 12 Abs. 3 Nr. 3 StVO grundsätzliche Bedeutung hat.

Gericht:
Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, Urteil vom 22.02.2017 - 5 S 1044/15
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon TimoH. » 2. Aug 2017 22:25

Nach engen Kurven wieder Gas geben ?

Vor einer Kurve stand ein "80"km/h"-Schild sowie das Gefahrenzeichen "Rechtskurve".
Gilt diese Begrenzung dann auch nach der Gefahrenstelle ?
Nein !
Das Oberlandesgericht Düsseldorf gab einem Autofahrer recht, der hinter der Kurve auf gerader Strecke geblitz wurde. So ein Tempolimit ende Automatisch nach der Kurve.
(Az.:2 RBs 140/16)

Gruß Timo
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Syzygy » 23. Sep 2017 07:55

Ist zwar kein "Gerichtsurteil" aber eine durchaus relevante Gesetzesänderung:

http://www.auto-service.de/news/2017/10 ... rafen.html

Der Bundesrat machte am Freitag in der letzten Sitzung vor der Bundestagswahl den Weg für eine Reihe von Neuregelungen frei. Sicherheitsexperten begrüßten die Verschärfungen, mahnten aber zugleich mehr Polizeikontrollen an.

Raser und illegale Autorennen
Wer illegale Rennen veranstaltet oder daran teilnimmt, muss künftig mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen, wenn dabei jemand schwer verletzt oder getötet wird. Selbst wenn niemand zu Schaden kommt, drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Dafür wird ein neuer Straftatbestand eingeführt. Bisher wird die Teilnahme an solchen Rennen mit 400 Euro und einem Monat Fahrverbot geahndet. Bestraft wird künftig schon der Versuch, ein Rennen zu organisieren.

Fahrzeuge können eingezogen werden. Erfasst werden auch Fahrer, die unabhängig von Rennen "grob verkehrswidrig und rücksichtslos" rasen.


Ergo wird man auch jemanden der auf 'ner Autobahn ohne Geschwindigkeitsbeschränkung seine 200+ ballert durchaus belangen können, sofern eine Autobahnstreife das Vorbeifahren an anderen Verkehrsteilnehmern (zweispurig, LKW-Kolonne, Bereich von Auf- und Abfahrten) als "grob verkehrswidrig und rücksichtslos" einstuft. Bleibt abzuwarten was die ersten Prozesse diesbezüglich für eine Rechtssprechung ergeben, sowohl für Fälle wo was passiert (einer schert plötzlich aus, der andere fährt ihm rein weil er nicht mehr bremsen kann) als auch in Fällen wo nichts passiert ist.
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Cloud » 25. Sep 2017 08:46

also wenn ich 200+ auf einer zweispurigen Fahre ist es doch völlig in Ordnung weil die AB ja offen ist.

Mir ist es auch schon oft passiert das Leute einfach ausscheren und im letzten Moment merken "ohje da kommt einer ja schnell an"
Ich finde da liegt es nicht an dem der schnell fährt, sondern auf die Unachtsamkeit des anderen Fahrer.

Dennoch ist die Einstufung dann ggfs subjektiv. Polizisten die selber privat schnell fahren stufen es anders ein, als Polizisten die bei 100 km/h angst bekommen und rechts ran fahren.

Aber da ich meistens nur Motorrad schnell fahre, ist es eh gefährlicher als mit dem Auto.
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Ralfburk » 25. Sep 2017 13:01

Wenn ich über 200 und mehr fahre dann nur wenn wenig Verkehr ist oder 3 Spuren sind und weit vorausschauend fahre ich dann. Sehe ich 2 Fahrzeuge kurz hintereinander fahren gehe ich vom Gas. Meist will der Hintere Überholen. Viele Autofahren können Geschwindigkeit und Kurvengeschwindigkeit nicht einschätzen.

Ralf
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 30. Dez 2017 20:30

Autoschaden - Defekter Sensor in einer Autowaschanlage


Ein Autofahrer stellte in einer Portalwaschanlage sein Fahrzeug ab und startete den Waschvorgang. Während des Trocknungsvorgangs kollidierte der Luftbalken mit der Windschutzscheibe und beschädigte sie. Ursache war ein defekter Sensor. Er verlangt vom Betreiber Schadensersatz. Zu Recht?

Der Sachverhalt

Der Beklagte betreibt eine Tankstelle mit einer automatischen Portalwaschanlage. Am Eingang der Anlage sind die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) aufgehängt. Dort heißt es in Ziff. 3: "Bei Eintritt eines Schadens durch den Waschvorgang in der Waschanlage haftet der Waschanlagenunternehmer für den unmittelbaren Schaden".

In einer Portalwaschanlage muss der Kunde mit dem Auto einfahren und dieses in der Regel verlassen. Der Kläger nutzte die Waschanlage. Während des Trocknungsvorgangs kollidierte der Trocknungsbalken mit der Windschutzscheibe des Fahrzeugs und beschädigte sie. Ursache war ein defekter Sensor. Der Gebläsebalken erkannte das Fahrzeug nicht korrekt und fuhr deshalb nicht die tatsächlich vorhandene Kontur ab.

Der Kläger nahm daraufhin den Beklagten auf Schadensersatz in Anspruch. Die Haftpflichtversicherung des Beklagten lehnte eine Schadensregulierung ab. Das Landgericht hat mit einem Grund- und Teilurteil ausgesprochen, dass die Klage dem Grunde nach gerechtfertigt sei und der Beklagte einen Teilbetrag an den Kläger zu zahlen habe. Hiergegen richtet sich die Berufung des Beklagten.

Die Entscheidung


Die Berufung hatte Erfolg. Das OLG Frankfurt hat das Urteil abgeändert und die Klage vollständig abgewiesen. Der Beklagte müsse nicht für die Beschädigungen einstehen. Es treffe ihn keine schuldhafte Pflichtverletzung. Anhaltspunkte für die Übernahme einer verschuldensunabhängigen Haftung lägen nicht vor.

Der Betreiber der Waschstraße könne jedoch nachweisen, dass der Schaden auch bei Anwendung pflichtgemäßer Sorgfalt nicht zu vermeiden gewesen sei. Dieser Nachweis sei dem Beklagten hier gelungen. Das Landgericht habe festgestellt, dass die Beschädigung durch einen defekten Sensor der Waschanlage verursacht worden sei. Der Kläger behaupte auch nicht, dass dieser Defekt in der Programmierung des Gebläsebalkens vom Beklagten hätte erkannt werden können. Den Beklagten treffe damit kein Verschulden an dem Schaden.

Der Beklagte habe auch nicht eine verschuldensunabhängige Haftung übernommen. Wortlaut sowie Sinn und Zweck von Ziff. 3 seiner Allgemeinen Geschäftsbedingungen bezögen sich bei verständiger Auslegung allein auf die Eingrenzung der Haftung auf "unmittelbare Schäden". Es entspreche allgemeinen vertraglichen Grundsätzen, „dass im Regelfall nur für verschuldete Schäden einzustehen ist".

Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung sei zudem davon auszugehen, dass sich Unternehmer "regelmäßig vor Schadensersatzansprüchen schützen wollen, die in ihren Auswirkungen unübersehbar sind, sich einer wirtschaftlich vertretbaren Risikodeckung entziehen und über den Wert der Gegenleistung weit hinausgehen". So liege es hier. Der Kläger werde im Übrigen nicht rechtlos gestellt, da eine Inanspruchnahme des Herstellers der Wasch-straße möglich sei.

Gericht:
Oberlandesgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 14.12.2017 - 11 U 43/17
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Re: Gerichtsurteile für Verkehrsteilnehmer

Beitragvon Reisender40 » 30. Dez 2017 20:34

Unfall an Engstelle: Wer muss haften?


Gerade in Wohngegenden sind die Straßenränder regelmäßig mit Kfz zugeparkt. Autofahrer müssen hier einen regelrechten Slalom zurücklegen und bei Gegenverkehr eventuell sogar hinter den geparkten Fahrzeugen kurzzeitig anhalten. Bevor sie weiterfahren, sollten sie sich jedoch vergewissern, dass sich von hinten kein Pkw nähert, der sie überholen möchte. Wer nämlich blindlings losfährt und mit dem Überholenden zusammenkracht, muss haften.

Autofahrer muss verkehrsbedingt anhalten


Ein BMW-Fahrer wollte gerade an einem geparkten Wagen passieren - bemerkte aber noch rechtzeitig einen entgegenkommenden Pkw. Um diesen vorbeifahren zu lassen, lenkte er seinen BMW schräg hinter das am Straßenrand geparkte Fahrzeug. Als sich der Gegenverkehr entfernt hatte, gab der BMW-Fahrer Gas und krachte prompt mit einer Suzuki-Fahrerin zusammen, die ihn gerade überholen wollte.

Die Frau verlangte daraufhin Schadenersatz - schließlich sei ihr Unfallgegner blindlings aus seiner Parklücke gerast und daher überwiegend an der Kollision schuld. Der BMW-Fahrer dagegen erklärte, dass die Unfallbeteiligte leicht hätte erkennen können, dass er nicht parkt, sondern nur kurz angehalten hat. So habe er etwa genau vor einer Garageneinfahrt und schräg versetzt gestanden. Im Übrigen hätte die Frau die Bremslichter seines Wagens deutlich erkennen müssen und daher nicht einfach einen Überholversuch starten dürfen. Weil er jegliche Zahlung ablehnte, zog die Suzuki-Fahrerin vor Gericht.

Überholerin trägt Mitschuld am Unfall

Das Amtsgericht (AG) Neuss entschied, dass der BMW-Fahrer den Schaden seiner Unfallgegnerin nur zu zwei Drittel ersetzen muss.

Weiterfahrt nur nach doppelter Rückschau

Der BMW-Fahrer hat gegen § 6 Straßenverkehrsordnung (StVO) verstoßen. Schließlich war er blindlings hinter dem parkenden Kfz ausgeschert und weitergefahren, ohne dies - z. B. mittels Blinker - anzuzeigen und sich davon zu überzeugen, dass er den nachfolgenden Verkehr nicht gefährdet.

Die Suzuki-Fahrerin befand sich zum Unfallzeitpunkt mit ihrem Wagen bereits neben ihm - sie wäre deshalb mit einem Blick in den Rückspiegel bzw. einem Schulterblick leicht zu erkennen gewesen. In diesem Fall hätte der BMW-Fahrer kein Gas gegeben und den Unfall somit vermeiden können. Damit war sein Fehlverhalten größtenteils für die Kollision verantwortlich.

Kein Überholen bei unklarer Verkehrslage

Aber auch die Suzuki-Fahrerin war am Zusammenstoß nicht ganz unschuldig. Gemäß § 5 StVO ist ein Überholen nämlich nur erlaubt, wenn die Verkehrslage klar und währenddessen eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist. Vorliegend war die Verkehrslage aber eher unübersichtlich. Denn der BMW-Fahrer stand auf dem Bremspedal, was an den leuchtenden Bremslichtern zu erkennen war. Auch stand er leicht versetzt vor einer Garagenzufahrt, was insgesamt den Schluss zuließ, dass der Autofahrer nur verkehrsbedingt - nämlich wegen des Gegenverkehrs an der Engstelle - kurz anhalten und bei Freiwerden der Engstelle unverzüglich weiterfahren würde.

Die Frau ist somit schlicht und ergreifend unaufmerksam gewesen - entweder, weil sie den BMW-Fahrer gar nicht bemerkt hat, oder weil sie fälschlicherweise darauf vertraute, dass er stehenbleibt und sie zuerst vorbeifahren lässt. Damit hat sie den Unfall jedoch mitverursacht, weshalb sie auch zu einem Drittel mithaften musste.

Gericht:
Amtsgericht Neuss, Urteil vom 29.03.2017 - 79 C 653/16
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